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Tatort oder Rosamunde Pilcher?
Sollten Sie am Sonntagabend aus irgendwelchen Gründen vor die Fernsehalternative „Tatort oder Rosamunde Pilcher“ gestellt werden: Was wählen Sie? Und woran liegt das?
Die psychologisch Gelehrten weisen auf Folgendes hin:
Zuschauer wählen ihr Fernsehprogramm oft unbewusst aus, um ihre aktuelle Stimmung zu regulieren oder zu optimieren. Wer eine stressige Woche hatte oder sich emotional verausgabt fühlt, sucht bei Rosamunde Pilcher nach Entlastung. Die Vorhersehbarkeit, die heile Welt und das garantierte Happy End wirken angstreduzierend und stabilisierend. Wer hingegen Unterstimulation bzw. Langeweile verspürt oder den Drang hat, sich mit gesellschaftlichen Abgründen auseinanderzusetzen, wählt den Tatort für Spannung und kognitive Herausforderung.
Die Pole reichen von dem Bedürfnis nach Wahrheit (Tatort) und dem Wunsch nach Flucht aus der Realität (Pilcher). PilcherFilme mit ihren Landschaftaufnahmen aus Cornwall und Liebesromanzen bieten eine Art „Urlaub für den Kopf“. So kann man eine Distanz zu eigenen Problemen gewinnen. Der Tatort bietet hingegen oft eine moralische Reinigung. Das Böse wird identifiziert und (meistens) bestraft, was ein Gefühl von Gerechtigkeit in einer oft ungerechten Welt vermittelt.
Menschen in helfenden Berufen (z.B. Therapeuten oder Ärzte) berichten, dass sie nach einem Tag voller realer Schicksalsschläge den Tatort kaum ertragen können. Für diese Gruppe ist Rosamunde Pilcher ein notwendiges Werkzeug zur Psychohygiene, um das emotionale System nicht durch fiktive Gewalt weiter zu belasten.
Mein Leben ist aufregend genug und so zähle ich mich im Prinzip zur Pilcher-Fraktion: Im Prinzip. Denn der Kitschfaktor ist schon heftig. Unter der Woche darf es bei mir mal eine Natur – bzw. Tierdokumentation sein. Sehr entspannend. Aber die heile Welt ist das auch nicht. Ich fiebere mit: „Siegt“ der Löwe oder kann das Gnu fliehen? Oder: Überleben die süßen Löwenbabys oder verhungern sie? Fressen und gefressen werden.
Die Natur ist überwältigend schön und erschreckend zugleich. Die Wirklichkeit ist widersprüchlich und das muss ich aushalten – gleich, ob es mich selbst betrifft, andere Menschen, Tiere oder Gott. Wie gelingt ein balanciertes, gemittetes Leben?
Immer öfter im Gottesdienst und bei jedem Morgengebet am Mittwoch um 7.15 Uhr in der Segenskirche praktizieren wir ein Körpergebet. Es beginnt mit vor der Brust aufeinandergelegten Handflächen so: „Gott, da bin ich, so wie ich bin, vor dir.“ Wir tun das ehrlich und in Gemeinschaft. Spirituelle Psychohygiene tut gut.
Matthias Lorentz, Pfr.


